Dienstag, 10. April 2012

Eine „Carousel“-Fahrt der Luxus-Klasse


Luxuslärm, eine Deutschrock-Band aus dem Sauerland, war bis vor ein paar Tagen mit ihrem aktuellen Album „Carousel“ auf Deutschlandtournee. Getreu dem Tour-Motto „Irgendwo da draußen“ führte mich mein Weg vor knapp zwei Wochen zum ersten Mal nach Jena, um die Band dort im F-Haus live zu sehen. Es war nicht mein erstes Luxuslärm-Konzert, trotzdem freute ich mich schon Wochen vorher auf diesen Abend.

Ich startete gegen 14:00 Uhr meine kleine Reise. Schon die Ankunft in Jena (Paradies) ließ mich schmunzeln: „Ja, das wird ein paradiesischer Abend!“ - der Bahnhofsname hätte nicht passender sein können. Da ich ja noch einer der wenigen Nicht-Smartphone-Besitzer bin, hatte ich mir schon zuhause eine kleine Wegskizze gemalt, wie ich vom Bahnhof aus zur Konzertlocation gelange. Es ging quer durch Jenas Innenstadt und da noch so viel Zeit blieb, schlenderte ich durch die kleinen zahlreichen Gässchen und genoss die Sonnenstrahlen. Nach einer Weile Schaufenstershoppen entschied ich mich, schon mal nach der Location Ausschau zu halten. Wie sich herausstellte war das ein guter Plan, da es ein paar Extrarunden ums Häusereck in Anspruch nahm. Ich landete dann irgendwann doch vor dem F-Haus, sah allerdings noch niemanden davor stehen. Ein Tourbus war auch nicht in Sicht und irgendwie sah das alles ziemlich trostlos aus. Wie sich kurze Zeit später herausstellte, hatte ich vor dem Hinterausgang gestanden. Doch nach ein paar Minuten und einem kurzen Telefonat fand ich mich dann glücklicherweise vor dem richtigen Eingang - hinter mir der Tourbus, neben mir eine Handvoll Fans und in der Location Luxuslärm, die zu der Zeit gerade Soundcheck machten. Einige bekannte Gesichter kamen im Laufe der Zeit hinzu, sodass beim Erzählen die Zeit bis zum Einlass schnell verging. 


Der Einlass verlief reibungslos und schon fand ich mich in der 3. Reihe ziemlich mittig vor der Bühne wieder. Den Konzertabend eröffnete Nico, Sänger der Band A5 Richtung Wir. Nur mit Akustikgitarre ausgestattet, sang er von Sandburgen, der Sehnsucht nach dem Meer und einer verhassten Stadt, aus der man ausbrechen will, um in einer anderen mit der Frau, die man liebt, ein neues Leben zu beginnen. Die Musik sprach mich sehr an, nur manchmal tat er mir irgendwie ein bißchen Leid, weil man das Gefühl hatte, dass er seine Band vermisste, die sonst mit ihm auf der Bühne steht. Doch nach ein paar Minuten schien er aufzutauen und begann vor den Songs kleine Geschichten zu erzählen, aus welchem Gefühl bzw. aus welcher Situation heraus der folgende Song entstanden ist. Ich mag das, weil es die Musik für mich so noch authentischer macht. Nach 30 Minuten beendete Nico sein Vorprogramm und in mir machte sich ein Gefühl bereit, als steige man in einen Zug, um jemanden zu besuchen, den man schon sehr lang nicht mehr gesehen hat und sich so freut, ihn nach der Zeit endlich wiederzusehen.
Die Carousel-Fahrt begann, als sich unter die Musik, die im Hintergrund lief, dieses vertraute Ticken mischte, mit dem auch das Intro auf dem aktuellen Album beginnt. Erst nimmt man es gar nicht richtig wahr und wenn man es dann einmal erhascht hat, steigert sich zumindest bei mir die Vorfreude auf das Konzert jedes Mal in unendliche Höhen. Das Licht ging aus und nacheinander betraten Freddy (Gitarre), Jan (Schlagzeug), David (Bass) und Christian (Keyboard) die Bühne. Zu dem Ticken gesellten sich Gitarrenklänge, es steigerte sich von Sekunde zu Sekunde bis schließlich alle Instrumente schepperten. Nur Jini fehlte noch. Nachdem sie die ersten Töne des Intros noch hinter der Bühne angestimmt hatte, stürmte sie diese zu Beginn des anschließenden ersten Songs „Carousel“.

„Schnell wie ein Carousel und plötzlich kann ich fliegen, nichts hält mich am Boden!“

Das ist nicht nur eine Zeile aus dem gleichnamigen Song zum Album „Carousel“, sondern Motto des Abends gewesen. Nicht nur man selbst verlor bei diesem fulminanten energiegeladenen ersten Song die Bodenhaftung, auch Jini jagte wie ein Wirbelwind über die Bühne und die Jungs zeigten, dass in ihnen echte Rock'n Roller steckten. Darauf folgte „An dich“, ein Song, den die Band ihren Fans widmet, mit dem sie auf musikalischem Weg „Danke!“ sagen wollen. Dass sie den Song live spielen, freut mich sehr und schon da war das erste Mal Gänsehaut angesagt. Aber nicht nur Songs des aktuellen dritten Albums „Carousel“ präsentierte die Band, sondern auch Songs des ersten und zweiten. Es zeigte sich, dass ich nicht die einzige im Publikum war, die die Band nicht zum ersten Mal sieht – alle trällerten textsicher mit und so wurde aus Jinis Gesang ganz oft ein Duett zwischen ihr und uns, dem Publikum. Da uns die Band in die Zeit zurückversetzen wollte, an der wir unbeschwert und fröhlich über den Rummel liefen, Karrussell fuhren, bis uns schlecht wurde und wir zur „Stärkung“ Zuckerwatte oder Schokoobst auf Holzspießen aßen, wurden wir zwischen den Songs immer wieder mit Bonbons und Popcorn versorgt, das aus der bandeigenen Popcornmaschine stammte (die im Übrigen auch rechts auf der Bühne stand) und zuvor eigenhändig von der Band in kleine Tüten abgefüllt wurde. Dahinter scheint aber vielleicht auch noch mehr als eine niedliche Geste zu stecken, wenn man die aktuelle Single „Mehr Gewicht“ hinzuzieht. Damit will die Band Stellung zu dem Magerwahn beziehen, der in der heutigen Zeit in den Medien gepredigt wird. Wer nicht den Idealmaßen entspricht, ist raus! Doch viele kämpfen, um trotzdem akzeptiert zu werden, mit mehr Pfunden auf den Hüften. Luxuslärm geben diesen Menschen eine Stimme und ermutigen sie. Deshalb betonten sie das auch in Jena auf der Bühne, bevor Bassist David in die Rolle des rappenden Candela-Bruders schlüpfte und den Rap-Part zum Besten gab, den auf der CD Culcha Candela beisteuern. Und auch wenn das andere Töne sind, die Luxuslärm mit dem Song anschlagen, überzeugen sie. Als Gag flogen während des Songs die besungene Schokolade samt Gummibärchen aus dem Publikum auf die Bühne und nicht nur deshalb musste sie an dem Abend ganz schön „leiden“ …

Wasser Marsch, Bassist nass!

Ein Song, der an diesem Abend natürlich nicht fehlen durfte, war „1000km bis zum Meer“, die erste Single der Band. Doch inmitten des Songs stand auf einmal alles still – Drummer, Keyboarder, Bassist und Gitarrist waren in einen Dornröschenschlaf gefallen, der sie wie Statuen auf der Bühne aussahen ließ. Nur Jini war hellwach und musste sich überlegen, wie sie die Jungs zum Weitermusizieren animieren könnte. Und da kamen wir ins Spiel, wir sollten singen, denn selbst eine kurze Wasserdusche, die Jini dem Bassisten verpasste, führte zu nichts außer zu einer nassen Bühne. Also brauchte Jini unsere Stimmen, um die Musiker zu wecken. Wir schmetterten den Refrain von „1000km bis zum Meer“ aus voller Kehle bis alle vier endlich weiterspielten.
Meine Highlights des Abends waren daneben die rockigen Power-Songs „Du bist schön“ und „Leb' deine Träume“ und das Medley, das Jini mit „Von jetzt an“ a cappella begann. Das ist der Song gewesen, bei dem der Gänsehautfaktor bei mir an diesem Abend am allerhöchsten war. Es gab nur Jinis Stimme, mit der sie selbst den kühlsten Stein in diesem Moment zum Schmelzen hätte bringen können. „Von jetzt an“ ging über in die Rock-Ballade „Unsterblich“ und mit „Vergessen zu vergessen“ fand das Medley sein wunderschönes Ende. Das Licht tauchte den Raum dazu in stimmungsvolles Licht und trug das ganze Konzert über seinen Teil dazu bei, dass aus einem Konzert eine grandiose vielfältige Show wurde, die man nicht so schnell vergisst.

Als Jini mit „Irgendwo da draußen“ den letzten Song des Abends ankündigte, landete man so langsam wieder in der Realität und sofort schossen mir die Worte des Songs „Carousel“ in den Kopf. „Ich will Zuckerwatte mit Schoko dran und noch einmal auf die Achterbahn!“ Ja, ich will nicht, dass dieser Abend schon zu Ende geht, ich will nochmal mit dem „Carousel“ fahren! Und wie sich anhand der lauten Zugaberufe zeigte, wollten das viele andere in diesem Raum ebenso. Deshalb betrat wenige Minuten später Freddy die Bühne und stimmte mit „Weil man es Liebe nennt“ die erste der drei Zugaben an. Es war witzig mit anzusehen, wie sich das Publikum erst mal beruhigen musste, um den Song genießen zu können, weil alle vorher noch frenetisch geklatscht und gefeiert hatten. Aber genau diese Abwechslung mag ich bei Luxuslärmkonzerten: Einerseits rocken sie die Bühne als gäbe es keinen Morgen mehr und andererseits sind es die ruhigen Balladen, die Luxuslärm auch ausmachen und die einen so berühren, dass man am liebsten losweinen würde. Die Band schaffte es mit ihren Songs an diesem Abend beinahe jede Emotion hervorzurufen, die man als Mensch empfinden kann und als es nach „Abschied“ auf der Bühne dunkel wurde und Jini nochmal ein Stück von „Carousel“ anstimmte, blieb nichts anderes übrig als ein pures Glücksgefühl und ein klein wenig Wehmut, dass dieser fantastische Abend schon wieder vorbei war. Das „Carousel“-Outro setzte dem Konzert das i-Tüpfelchen auf und rundete es perfekt ab.

Dieses Konzert war ein musikalischer Kurzurlaub für Herz und Seele, genau deshalb bereue ich keinen einzigen der 200 gefahrenen Kilometer und genau deshalb werde ich mir die Band auch zukünftig noch ein, zwei, drei … viele Male live anschauen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen