Sonntag, 20. Mai 2012

Street-Art I: Weisheit in Messing gegossen


Street-Art ist schon längst kein Phänomen mehr, das nur in Amerika vorkommt, auch wenn es dort seine Wurzeln hat. Es ist seit einigen Jahren v.a. in Großstädten in Deutschland zu beobachten. Wir werden uns in den nächsten Blogs mit verschiedenen Formen von Street-Art befassen, die uns einfach so unterwegs begegnet sind. Genau das ist ja das Besondere dieser Kunst - man geht nicht zielgerichtet in Galerien, Museen oder Ausstellungen, um sie zu betrachten, sie lebt von der Spontanität und dem Zufall. Ob man sie sieht, hängt ganz von den Straßen ab, die man entlang geht. Wir haben wohl zufällig die richtigen Straßen gewählt. Street-Art ist dabei für uns kein eng definierter Begriff und es kann deshalb sein, dass das, was wir als Street-Art bezeichnen, für euch vielleicht schon gar keine mehr ist. Für uns ist Street-Art Kunst, die sich ganz vielfältig präsentieren kann, das aber auf jeden Fall draußen und auf den Straßen dieser Welt tut. 



Die erste Form von Street-Art, von der hier die Rede sein soll, ist mir vor einiger Zeit wortwörtlich vor die Füße gefallen, als ich durch die Innenstadt von Recklinghausen gelaufen bin. Ich hätte sie nicht entdeckt, wenn ich nur geradeaus oder nach rechts und links geschaut hätte. Denn diese Form von Street-Art hing nicht wie so oft an Hauswänden, Schildern oder anderen Aufstellern, sondern war inform von Messingplatten unmittelbar auf dem Gehweg angebracht. Da der Gehweg ansonsten aber aus normalen Betonplatten bestand, wurde mein Blick schon durch diese Abweichung auf die Messingplatten gelenkt. Als ich weiter durch die Gassen lief, entdeckte ich übrigens noch mehr dieser Platten. Auf jeder Platte stand ein Zitat eines bekannten Philosophen, der ebenfalls namentlich auf der Platte erwähnt wurde. 


„Wohin du auch gehst, gehe mit ganzem Herzen.“ - dieser Spruch von Konfuzius stand auf einer dieser Messingplatten und ich glaube, dass er punktgenau die Intention widerspiegelt, die sich hinter diesem Street-Art Projekt verbirgt, nämlich, dass man sich seiner Wege, die man geht, bewußter wird. Und das könnte durchaus ganz wörtlich gemeint sein. In der Hektik des Alltags, in dem heutzutage alles ein zeitliches Limit hat und möglichst schnell gehen muss, geht man doch kaum noch bewußt durch die Straßen und betrachtet die Wege und Häuser, die einen umgeben. Aber wenn man sich Zeit für die doch eigentlich so selbstverständlichen Dinge nimmt, entdeckt man die Schönheit dieser Wege. Dafür braucht es keinen rationalen Verstand, sondern ein Herz, das offen dafür ist, das Schöne im Selbstverständlichen zu erkennen. Sich der Wege und seiner Umwelt bewußter werden und dabei die Kleinigkeiten entdecken, die sie ausmachen und die man nur erkennt, wenn man mit ganzem Herzen geht – das ist wohl der Gedanke, der sich hinter dieser Form von Street-Art verbirgt. Die Zitate laden ja regelrecht dazu ein und zeigen, dass die Weisheiten, die vor hunderten von Jahren von Philosophen wie Konfuzius gesprochen wurden, noch immer ihre Gültigkeit besitzen. Die Welt erkunden, sich an ihr erfreuen und bei all dem auch geduldig sein, um seine Ziele zu erreichen – das trifft doch wie ich finde ziemlich viel von dem, was ein Leben zu einem glücklichen Leben macht.


Das alles wird einem allein durch diese Messingplatten vor Augen geführt, die hoffentlich noch von vielen anderen Menschen wahrgenommen werden, wenn sie gestresst von ihrem Leben durch die Innenstadt Recklinghausens laufen. Manchmal müssen uns in der heutigen Gesellschaft die Weisheiten wohl wortwörtlich vor die Füße geworfen werden, um über das Leben nachzudenken und zu merken, wie viel man selbst zu seinem eigenen Glück beitragen kann. Deshalb finde ich dieses Street-Art Projekt wirklich klasse und von mir aus könnte es das in dieser Form noch in viel mehr Städten geben.

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