Mittwoch, 15. August 2012

Street-Art V: Klein, eckig, bunt!


Wir haben uns in diesem Blog ja bekanntermaßen den kleinen, oft unscheinbaren Dingen unserer Umwelt verschrieben. Nun ja, klein ist relativ. Und Streetart gibt es in allen Größen, Farben und Formen. Wir hatten hier bereits Kunstformen, die -von ihrer Größe ausgehend- eigentlich nicht übersehen werden können. Und doch nimmt man sie manchmal einfach nicht wahr, warum auch immer. Ich bin ganz ehrlich, auch mir geht es so.

Karl Marx unter Strom
Vor kurzem war ich noch auf der Suche nach etwas Inspiration für den heutigen Blogeintrag. Ich hatte auch schon etwas vor meinem inneren Auge, so eine Kleinigkeit, die direkt in Sichtweite eines innerstädtischen Einkaufzentrums steht, tagtäglich passiert von Tausenden Einwohnern: Ein kleines Trafohäuschen. Klingt unspektakulär und im Normalfall ist es das auch. Schlicht, eckig und grau. Nun, dieses kleine Häuschen bildet da eine Ausnahme. Als kleiner, bunt bemalter Kasten steht es fast unscheinbar zwischen Einkaufszentrum, kleinem Stadtpark und dem altehrwürdigen, Roten Turm. Doch hier hat sich jemand Gedanken gemacht, sich kreativ ausgelebt. Herausgekommen ist ein Kunstwerk, das Charakterzüge dieser Stadt aufweist. Ich zumindest interpretiere es als die Frontalansicht einer alten Dampflok, passend, denn Chemnitz war und ist eine Industriestadt mit langer Tradition.


Volle Kraft voraus - Trafohäuschen in der Innenstadt.


Allerdings war mir ein Einzelnes dieser Kunstwerke zu wenig für meinen Artikel. Denn ich wollte irgendwie nicht glauben, dass es nicht noch mehr derartige Projekte in dieser Stadt gibt. Vorher hatte ich nie offen danach Ausschau gehalten, doch auf einmal bin ich beinahe darüber gestolpert. Im direkten Umfeld habe ich bei Spaziergängen mehr zufällig drei weitere Stromhäuschen entdeckt, die mit viel Liebe zum Detail in gleicher Weise verschönert wurden. Natürlich nicht mit demselben Motiv. Eines erinnert mich in seiner Art an Trickfilmfiguren eines Tv-Senders (ich habe ganz bestimmte Comic-Figuren im Sinn). Eines nimmt Bezug auf eine (ehemalige) Disko, die sich im angrenzenden Gebäude befand. Und das Kunstwerk, das mir persönlich am besten gefällt, steht in der Nähe einer Attraktion, dessen Name temporär mal anstelle von Chemnitz stand. Das kleine Häuschen mit „Anhang“ steht in unmittelbarer Sichtweite des Karl-Marx-Monuments oder wie es von den Einheimischen auch liebevoll genannt wird: Nischel (Kleiner Tipp für die Nicht-Sachsen unter uns, es wird eher als „Nüschel“ ausgesprochen.). Eben dieser findet sich in dem Bücheregal nebst Beistelltisch wider, das erst auf den zweiten Blick als Trafostation zu erkennen ist. Hier verbindet sich die Geschichte der Stadt Chemnitz mit ihrer Kultur und ihrer Funktion als Universitätsstandort.

Chemnitz wirbt als Stadt der Moderne und als Stadt, die Wissen schafft. Ob solche Slogans nun passend gewählt sind, mag jeder für sich entscheiden. Doch diese Formen von Streetart greifen Motive beider Sprüche auf und verleihen ihnen Leben und Farbe. Interpretationspielraum wird geboten, ohne den die Kunst keine wäre. Was mich hierbei besonders freut, ist die Tatsache, dass fast alle der Häuschen bisher von Verschmutzung und Krakeleien verschont geblieben sind, während ihre grauen Geschwister unzählige (unschöne) Graffititags aufweisen. Scheinbar gibt es einen Moralkodex, der hier noch greift. Oder würde jemand ein Bild im Museum einfach mit eigenen Motiven übermalen? Ich glaube, das bleibt glücklicherweise eher die Ausnahme. 


Kunst und Reklame vereint.
Comics sind eben universell einsetzbar.



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