Samstag, 26. Juli 2014

C:\Users\Tiny\Herz: Tage wie diese



Es gibt Momente, da liegen Glück und Pech ganz nah beieinander. Diese Erfahrung durfte ich letzte Woche wieder machen, als ich spontan nach Berlin gefahren bin, um die frisch gebackenen Fußballweltmeister samt Pokal auf der Fanmeile zu feiern. Ein Tag für die Ewigkeit!

Ich wart seit Wochen auf diesen Tag und tanz vor Freude über den Asphalt


Gegen 8 Uhr hatte ich es geschafft: ich stand auf der Straße des 17. Juni und hatte zum ersten Mal Gänsehaut. Vor Freude. Die erste und zugleich wichtigste Hürde war genommen. Denn nichts hätte mich trauriger gemacht, als anzukommen und zu hören, dass die Fanmeile aufgrund der großen Besucherzahl bereits geschlossen ist. Sue gab mir bereits im Zug per SMS Bescheid, dass schon 2000 Menschen vorm Brandenburger Tor stehen. Da war es kurz nach 7 Uhr. Verrückt! Als ich die Massen dann mit eigenen Augen neben, hinter und vor mir auf das Brandenburger Tor zuströmen sah, war ich insgeheim ja beruhigt, dass es noch so ein paar WM-Verstrahlte gibt, die sich schon Stunden vor der Landung der Mannschaft in Tegel die Beine in den Bauch stehen wollen. 

Durch das Gedränge der Menschenmenge bahnen wir uns den altbekannten Weg


Wie zuletzt im Oktober, als ich wegen eines Konzertes beim Fest zum Tag der Deutschen Einheit war, lief ich nun von hinten auf das Brandenburger Tor und die riesengroße Bühne zu und je näher ich ihr kam, desto enger wurde es. Falls ihr euch gefragt habt, wo in diesem Zusammenhang - wie im ersten Satz angedeutet - das Pech auftaucht: HIER. Wie von Mutti gelernt, trug ich meine Tasche die ganze Zeit vor mir her, bis es eben so eng wurde, dass ich sie kurz (wirklich nur 1 Minute) nach hinten nehmen musste. Gewitzte Diebe haben das ausgenutzt, um mir in dieser Minute meine Digitalkamera aus der Tasche zu klauen, wie ich kurz darauf feststellen musste. Da waren die Diebe längst über alle nicht vorhandenen Berge. "Super"! Also stiefelte ich zu den nächsten Männern in blauer Uniform und machte erstmal eine Anzeige. So hatte ich mir den Verlauf des Tages wirklich nicht vorgestellt. 

Das hier ist ewig, ewig für heute


Doch auch wenn ich mich natürlich erstmal eine ganze Weile über den Diebstahl ärgerte und wütend war, sagte ich mir: diesen Tag erlebst du so nie wieder. Versuch ihn verdammt nochmal trotzdem zu genießen und zu feiern! Und das tat ich. Denn Trübsal hätte mir die Kamera auch nicht wiedergebracht. Also ging die Suche nach einem Plätzchen, von wo aus man einen guten Blick auf die Bühne hatte, von Neuem los. Ca. 80 Meter seitlich der Bühne fand ich einen und lernte kurz darauf ein paar nette junge Herren aus der Eifel kennen, die auch extra wegen der Willkommensfeier unserer - man kann es nicht anders sagen - WM-Helden in die Hauptstadt gekommen waren. 

Wo alles laut ist, wo alle drauf sind, um durchzudrehen


Die Zeit verging irgendwie und auf einmal hieß es, das Flugzeug sei im Anflug auf die Fanmeile. Alle Köpfe reckten sich nach oben. Und dann flog dieser Flieger so dermaßen niedrig über unsere Köpfe, dass ich echt schlucken musste. "Hoffentlich rammt er nicht das Brandenburger Tor!" sagte jemand neben mir zum Spaß und genau das ging mir auch durch den Kopf. Gänsehautalarm Nummer 2 an diesem Tag. Das muss eine wahnsinnig tolle Aussicht gewesen sein, die unsere Fußballjungs da hatten! Nun waren sie also wirklich fast da. Fast! Es dauerte ja dann "nur" noch knappe 2 Stunden, bis sie schließlich wirklich auf der Bühne vor uns standen. Auf der Leinwand konnten wir bis dahin den Weg der weltmeisterlichen DFB-Mannschaft verfolgen. Zwischendurch versuchte sich der Radiomoderator darin, die immer größer werdende Menschenmasse zu animieren und scheiterte leider kläglich. Gefeiert wurde trotzdem, auch wenn keiner mehr auf den Moderator achtete. Richtig für Stimmung sorgten auch die Höhner und natürlich auch Andreas Bourani. "Auf uns" dudelt so viel im Radio, dass man es schon fast nicht mehr hören kann. Aber trotzdem war der nächste Gänsehautalarm (Stufe dunkelrot) angesagt, als die Mannschaft endlich da war, dieses Lied aus den Lautsprechern tönte und der Pokal zum Greifen nah vor uns auf der Bühne stand. Mit Worten kann man dieses Gefühl gar nicht treffend beschreiben. 

An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit


Aus Millionen Menschen wurde eins und es gab einfach nur noch ein Gefühl: unglaubliche Freude! Ja klar, es ist nur Fußball und natürlich gibt es gerade viel wichtigere Brennpunkte auf der Welt. Aber trotzdem gibt es daneben auch einfach Momente, an denen es uns erlaubt sein muss, einfach nur Glück vom großen Zeh bis in die letzte Haarspitze zu fühlen und den Ernst des Lebens für einen Moment auf die Auswechselbank zu verweisen. Der kommt eh schneller wieder zurück, als man denkt, wie man an dem Skandal um den "Gaucho-Tanz" bestens sehen kann. Der wurde im Publikum übrigens bereits von einer kleinen Gruppe angestimmt, bevor ihn Schürrle, Klose und Co. auf der Bühne angestimmt haben. Als schließlich Helene Fischer mit "Atemlos" die Bühne enterte und mit den Fußballern eine Polonaise startete, waren alle Dämme gebrochen. Auch wenn kurz zuvor bei der Anmoderation von Frau Fischer noch Buh-Rufe aus mancher Ecke zu hören waren, gefeiert haben trotzdem alle zu dem Song und mit den Jungs auf der Bühne. Auch ich. Und es fühlte sich trotzdem noch ein bißchen unreal an, diesen Pokal so glänzend vor einem zu sehen und die Jungs auf der Bühne, die mir wunderbare Sommerabende beschert haben und mich selbst krank im Bett liegend haben jubeln lassen. Lachen, Freude, Glück - die besten Heilmittel der Welt. Das wurde mal wieder bewiesen. 

Danke Jungs, dass ihr uns so einen Märchensommer beschert und uns verzaubert habt! Dass ihr gezeigt habt, dass es manchmal einfach reicht, ein Team zu sein und füreinander einzustehen. In jeder Minute. 

14 Uhr war das Spektakel vorm Brandenburger Tor beendet. Überall um mich herum liefen strahlende, schwitzende Gesichter mit Schwarz-Rot-Gold-Accessoires am Körper herum auf der Suche nach Schatten, einem Sitzplatz und kühlen Getränken. Irgendwo in der Nähe vom Potsdamer Platz fand ich ein Café, wo auch ich diese drei Bedürfnisse befriedigen konnte. Erschöpft, aber verdammt glücklich endete dieser Tag nach einem kurzen Treffen mit einem Kumpel am frühen Abend auf dem Berliner Hauptbahnhof. 

Meine Digitalkamera vermisse ich trotzdem. Sie war so lange ein Teil von mir, dass sie wirklich fehlt! Und sie hat besonders an diesem Tag gefehlt!!! Doch zum Glück gibt es ja in jedem selbst einen ganz großen Bildspeicher, der genau für Tage wie diese gemacht wurde und den niemand jemals einfach so klauen kann. 





PS: Ein weiterer Dank geht an die Toten Hosen, die mit "Tage wie diese" den perfekten Song 
für dieses Erlebnis geschrieben haben.



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